Es ist ja so: Ab und zu packt es einen und man möchte der Welt zeigen, was man für ein original niederbayerischer Feger ist (selbst wenn man, wie ich, die meiste Zeit in Berlin verbringt.) Bloß wie macht man das, wo doch jetzt alle Feger beige Blazer tragen?
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Solltest du zufällig eine Brauerei besitzen, herzlichen Glückwunsch! Du kannst dich, wann immer es dir gefällt, in ein Dirndl schmeißen und den ganzen Tag damit umeinanderlaufen, ohne dass sich jemand wundert. Für uns Nicht-Brauereibesitzer ist es dagegen gar nicht so einfach, im Alltag ein bissl bayerisch zu flexen.
Schließlich sagt uns das universelle Instagram-Style-Gesetz, was in LA wie in Landshut gefragt ist: viel Oversize, viel Smart Casual, viel beige (seit Kurzem ergänzt durch Knallfarben).


Zwei zur Zeit typische “Instagram-Looks”: urbaner Stil, androgyne Silhouette, Basics, die ohne jeden Feinschliff auskommen müssen. Auch vom aktuellen 90er Revival ist der Blazer-Minimalismus nicht tot zu kriegen.
Das sieht wirklich gut aus, solange man für Fotos posiert oder nur ausgewählten Instagram-Aktivitäten nachgeht. Klar darf sich die Trägerin in diesem Outfit auch stylish fühlen, aber doch sicher nicht fesch! Also “fesch” im Sinn von: Oida, zack! 🥨🥨🥨🔥🔥🔥
Genau das fehlt mir: ich fühle diese Klamotten einfach nicht. Mir sind sie zu nüchtern, zu austauschbar. Versteht mich nicht falsch, es spricht natürlich nichts dagegen, Basics zu tragen. Aber es gibt doch eine feine Trennlinie zwischen cool und seelenlos. Findet ihr nicht?
Die Idee, dass Kleidung auch ein Ausdruck von Kultur sein kann, ist uns irgendwie fremd geworden – wenn man mal von den 5 Festeln im Jahr absieht, zu denen ganz selbstverständlich die Tracht ausgepackt wird.
Mein Algorithmus liefert mir jedenfalls wenig Inspiration aus dem echten Leben, sondern zeigt mir eigentlich nur: entweder Menschen, die in voller Trachtenmontur auf Bierbänken sitzen oder Menschen, die in Oversize Blazern in Cafés sitzen. Dazwischen gibt’s scheinbar wenig.
Zum Teil könnte das auch daran liegen, dass es in Deutschland keine einflussreichen Designer gab. In anderen Ländern verbindet man Kultur ja durchaus mit Stil. Die Franzosen haben die westliche Eleganz erfunden. Die Briten sind ihren Tweedjacken, Trenchcoats und Chelsea Boots treu geblieben. Und bei Amerikanern denken wir sofort an Jeans und Baseball Caps – auch wenn das inzwischen die ganze Welt trägt.
Zuletzt hatte natürlich auch die skandinavische Mode ihren Moment… aber ehrlich gesagt, falls ich versuche, irgendwas auszudrücken, dann vielleicht, dass ich nicht aus Kopenhagen komme! Ich möchte nicht wirken, als hätte ich bei der Gartenarbeit ein formloses Leinenkleid übergeworfenen und oh! – zufällig sah es wahnsinnig stylish aus! Radikaler Minimalismus ist nichts für mich. Das können die Dänen machen, danke.
Ich bin aus Bayern. Wir mögen ein bisserl Kitsch. Wir haben Alpenkulissen und Barockkirchen – eine kleine Raffinesse darf’s schon sein, oder?
Der Versuch, traditionelle Motive modern (oder was auch immer) zu machen, brachte vor ca. 20 Jahren eine besonders schrille Variante von “Bayrisch Casual” hervor. Erinnert ihr euch noch an diese taillierten Janker in viel zu grellen Farben? Beispiel: Link 🙈 Ganz zu schweigen von bestickten Trachtenjeans!
Heute können Männer zumindest noch auf Sprüche-Shirts zurückgreifen. Für Frauen über 25 wird es schon schwieriger, diesen Humor glaubhaft zu vertreten. (Fragt mich bitte nicht warum – könnte auch an mir liegen!)
Ich wünsche mir jedenfalls endlich eine bayerische Mode, die nicht immer adrett sein muss; die unkompliziert ist, und die mich vor allem nicht wie ein wandelndes Klischee aussehen lässt.
Leider bleiben da nicht super viele Optionen:
- Es gibt das Münchner Label Federrock, das Hirschleder brasilianisch leicht wirken lässt und dessen Röcke die coolste und alltagstauglichste Option sind, wenn man nicht auf Jeans zurückgreifen möchte.

- Es gibt die schlichteren Kleider von Gott sei Dank, die sich zwar eher als Alternative zum klassischen Dirndl anbieten. Aber: Mit guten Boots und modernem Schmuck (+ evtl. Lederjacke) könnte daraus ein Outfit werden, das auch im Büro oder Restaurant funktioniert.

- Und die folkloristischen Röcke und Mieder von Lena Hoscheck. Die gewagteste Option. Sehr schwierig zu stylen ohne dabei Sisi-Vibes auszusenden. Schafft eigentlich nur Maxima.


- Mein persönlicher Favorit: Vintage-Trachtenblusen. Es verleiht jedem Kleidungsstück automatisch die richtige Attitüde, wenn es aus einem anderen Jahrzehnt stammt. Kritisch ist bei 80er-Blusen, das richtige Volumen am Oberarm zu finden. Wenn man aber eine Bluse gefunden hat, die zur eigenen Figur passt – die Auswahl bei etsy, Kleinanzeigen, usw. ist riesig! – lohnt sich das richtig. Sie wertet jedes Basic Outfit auf, gibt den sofortigen mega-charmant-Effekt, und funktioniert vor allem auch, wenn ich keine Lust auf einen Rock habe. (also meistens!)


Soweit erst mal meine Vorschläge. Mich würde interessieren, wie ihr das seht. Wünscht ihr euch auch mehr tragbare bayerische Mode oder seid ihr lieber minimalistisch unterwegs? Kauft ihr gezielt bei bayerischen Labels ein?
Ich werde einen Teil 2 zu diesem Artikel schreiben und darin ein paar Ideen vorstellen, wie sich ein bisschen bayerische Ästhetik ins Outfit mixen lässt, ohne es altbacken wirken zu lassen, oder zumindest hoffe ich das. Vielleicht probiere ich es ja doch noch mit einem Sprücheshirt. Ach ja, und falls ihr Designer kennt, immer her damit! <3

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